Karsten Engelhardt

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Presseberichte

"Frohe Feste"


„Frohe Feste“ sind alles andere als froh
19. Oktober 2018
JASMIN AMEND
Redakteurin
Karsten Engelhardt, Regisseur für das Theater Ravensburg, mag menschliche Abgründe. Und er scheint es zu lieben, wenn sich Machtverhältnisse verschieben – wenn Bittsteller zu Mächtigen werden, Mächtige zu Schwachen. Das zeigte bereits die Komödie „Der Kredit“, die im April unter seiner Federführung in Ravensburg startete, und das zeigt die neue Produktion, die am Donnerstagabend Premiere feierte. Denn solche Geschichten überraschen und verblüffen den Zuschauer.

Frohe Feste, so heißt die britische Komödie von Alan Ayckbourn. Schon beim Programmflyer zeigt das Theater Ravensburg wieder besondere Kreativität und Liebe zum Detail: Das Layout von Marco Ricciardo wirkt wie eine Kopie der amerikanischen Liebeskomödie „Tatsächlich Liebe“ – ein ironischer Kontrast zum tatsächlichen Plot. Denn die Feste, die darin gefeiert werden, sind gar nicht froh: Drei Paare feiern dreimal Weihnachten, dreimal enden die Feste in einer Katastrophe.

Ladenkettenbesitzer Sidney (Alexander Kruuse Mettin) will expandieren und erbittet von Banker Ronald (Alex Niess) einen Kredit. Um bei ihm zu punkten, laden er und seine Frau Jane (Anke Sonnentag) zur Weihnachtsparty. Der Einladung folgen widerwillig das Elite-Ehepaar Ronald und Marion (Jutta Klawuhn) sowie der Frauenheld und Architekt Geoffrey (Marco Ricciardo) mit seiner Frau Eva (Ana Schlaegel). Geoffrey wiederum erhofft sich mithilfe von Sidneys Beziehungen einen neuen, fetten Auftrag.

Von der eigentlichen Party bekommt der Zuschauer nichts mit. Was er sieht, sind die Gespräche und Geschehnisse in der Küche. Hier lassen Gäste und Gastgeber ihre Masken fallen, hier wird gelästert, geflirtet und hierhin flüchten die Beteiligten. Das Bühnenbild von Werner Klaus ist zu diesem Zweck genial gestaltet. Wenige Küchenelemente, zwei angedeutete Türen und zwei Lichtschalter werden zu multifunktionalen Räumen, das Geschehen im Nebenraum wird mit witzigen Hilfsmitteln angedeutet. Die authentischen Kostüme von Mechthild Scheinpflug zeigen außerdem: Wir befinden uns in den 70er Jahren – ein wichtiger Aspekt, um die Rollenverhältnisse, vor allem innerhalb der Ehepaare, einzuordnen.

Die Akteure spielen ihre Rollen vorzüglich. Ihnen beim doppelten Spiel – es ist alles anders, als es scheint – und beim charakterlichen Wandel zuzusehen, ist höchst unterhaltsam, das Blut bleibt dabei stets in Wallung. Auch, weil die Geschichte mit der Zeit immer absurder wird.
Am Schluss agieren zwei Paare wie lächerliche Marionetten, während das dritte Paar sie an ihren Fäden tanzen lässt – im wahrsten Sinne des Wortes. Da bleibt dem Zuschauer der Mund offen stehen.


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