Karsten Engelhardt

Krimmidinner

Presseberichte

Wilkommen in deinem Leben

Mit dem Tod auf Du und Du

Grandiose Komödie, die Mut macht: „Willkommen in deinem Leben“ am Theater Ravensburg
Ich hab was verpasst. Ich hab das ganze Leben lang die Rechtschreibung anderer Leute korrigiert.“ Naja, das ist eine Einsicht, könnte man sagen. Besser spät als nie. Aber Charlie (Alex Niess), der Schriftsteller werden wollte und es nur zum Lektor gebracht hat, sitzt böse fest. Mitten in der amerikanischen Wüste, in einem heruntergekommenen Motel am Straßenrand. Das Auto hat den Geist aufgegeben, und in spätestens 18 Monaten steht auch Charlie dieses Schicksal bevor: Er hat einen tödlichen Tatterich. Sein Hirn wird sich in Gelatine verwandeln. Da ist es besser, den Löffel abzugeben, bevor es unappetitlich wird.

Das rät zumindest Wally (Markus Hepp) – Charlies persönlicher Tod, in Gestalt eines kurzen Cowboys mit teuflisch roten Stiefeln. Charlie wird ihn nicht mehr los, seitdem er ihn mitten im Nirgendwo aufgelesen hat. Aber Wally ist auch Charlies einziger Freund. Und hat er nicht Recht? „Es ist das Leben, das einen richtig fertig macht“, sagt er. „Der Tod bringt nur alles wieder in Ordnung“.

Es klingt nicht so, aber „Willkommen in deinem Leben“ von Michael McKeever ist eine Komödie, die Mut macht. Ihre Botschaft: Lebe dein Leben, bevor es zu spät ist. Und auch wenn es schon zu spät scheint – lebe es trotzdem. Natürlich sind das Klischee-Weisheiten. Vor allem wenn man sie rausmault, um sie schlecht zu machen, so wie es Wallys Art ist. Doch ob etwas Wahres an ihnen ist, das hängt im Theater von der Frage ab, was auf der Bühne passiert, bevor man ein Stück auf seine Essenz herunterbricht.
Und im Theater Ravensburg, in der Inszenierung von Karsten Engelhardt, geht diese Essenz aus einem großen Vergnügen hervor – oft sehr sensibel und reich an Zwischentönen, in der die Unsicherheit eines zwischen Tod und Leben schwebenden Menschen greifbar wird. Der dichteste Moment gehört Charlie selbst, als er von einem nächtlichen Spaziergang erzählt, bei dem er ein unangenehmes Geräusch hört. Es verändert sich, es wird zum Heulen – „und ich bemerkte, das es aus mir heulte. Und dann heulte ich.

Ich heulte nicht, weil ich sterbe, sondern weil ich dieses Leben gelebt habe.“
Recht so. Denn die Kraft zum Mutmachen kann nur aus dem Blick in den Abgrund entstehen. Sonst bleibt die Hoffnung Gerede – so aber schlägt sie Funken, und zwar in Gestalt von Nell (Ana Schlaegel), die das schäbige Motel betreibt, in dem Charlie strandet. Vollendet natürlich verkörpert Schlaegel diese Frau, die anlehnungsbedürftig ist und doch stark sein muss: Ihr depressiver Mann ließ sich vom Laster überrollen und sie blieb mit seinem unausstehlichen Vater zurück. Unentwegt klingelt der pflegebedürftige Alte die junge Witwe wie eine Dienstbotin herbei.

Sowohl Ana Schlaegel als auch Alex Niess gewinnen ihre Konturen, indem sie auf den Scharfzeichner verzichten. Was Nell und Charlie ausmacht, sind zerstobene Träume einerseits und unbegründbare Hoffnungen andererseits. Den Raum, der aus dieser Spannung entsteht, kann man nicht einfach spielen, man muss ihn anklingen lassen; das gelingt ihnen ausgezeichnet.
Marco Ricciardo geht gerade umgekehrt vor – und liegt goldrichtig. In der Rolle von Travis, dem Mechaniker, verkörpert er die amerikanische Arbeiterklasse, wie man sie aus zahllosen Hollywoodfilmen kennt. Es macht Spaß, ihn mit diesen Schablonen zu vergleichen. Da ist etwa die Fassade des Kümmerers: Patent gibt er vor, bei Nell nur nach dem Rechten zu sehen, obwohl er ebenso wie Charlie bis über beide Ohren in sie verliebt ist; da ist die Art, wie er seine Mütze knetet, wenn es nicht um Motoren, sondern um Gefühle geht; und natürlich ist da seine betonte Breitbeinigkeit, die bis in die Stimme hineinreicht.

Mit Stereotypen spielt auch das Bühnenbild von Werner Klaus: Es begegnet einem darin die Einsamkeit der Malerei von Edward Hopper und die Wüstenei von Wim Wenders' Film „Paris, Texas“. Es tut sich der Blick in eine Wüste auf, bei der man nie weiß, ob ihre Leere für die Entkleidung von allen Illusionen steht (leer wie die kahlen Wände rechts und links der Bühne), oder im Gegenteil für eine Weite, in der alles möglich ist. Diese Ambivalenz prägt auch die Videoprojektionen (Peter Berger), die einen traumhaften Sonnenuntergang zeigen – aber auf den zum Trocknen aufgehängten Bettlaken des verwaisten Motels; Laken, die Nell nur wäscht, um die Illusion eines geordneten Lebens zu bewahren.

Was siegt denn nun: Leben und Liebe oder Leiden und Tod? Lange stellt sich diese Frage gar nicht: Die Zeit spielt Wally in die Hände, dieser trägen Saloon-Ausgabe eines Mephistopheles. Aber dann drückt Charlie Nell den ersten Kuss auf – und der Kampf ist eröffnet. „Wurde aber auch Zeit. Jetzt geht die Post ab!“, ruft ein resolutes Wesen und bricht aus der Kulisse: Es ist die Liebe, die auf den Namen Kiki hört. Noch blinder als Justitia ist diese Liebe, und Jutta Klawuhn spielt sie als Diva mit billiger Perücke, die nur ein Fehltritt noch von der Bordsteinschwalbe trennt. Die großen Gesten hat sie trotzdem drauf – und nach Leibeskräften zieht sie mit Wally in heißen Wortgefechten an Charlies Lebensfaden um die Wette. Wie das endet, lassen wir offen, und Rocky Balboa das letzte Wort. „Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist“, sagte er, der in jedem Boxkampf eigentlich keinem Gegner gegenüberstand, sondern nur sich selbst. Da hat er mit Charlie was gemein.



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