Karsten Engelhardt

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Presseberichte

"Jedermann" an Bord der Enterprise

15.06.2016 von Harald Ruppert vom Südkurier
Ravensburg - "Jedermann" an Bord der Enterprise
Das Theater Ravensburg spielt „Alle deutsche Dramen an einem Abend“ nicht unbedingt werkgetreu – aber enorm vergnüglich.

Von Lessings "Nathan" bis zu Handkes "Publikumsbeschimpfung" geht's durch die Geschichte.
Jetzt hört mal her, Theaterklassiker. Entweder ihr geht mit der Zeit, oder es wird zappenduster. Ihr könnt euch nicht mehr wegducken wie bisher – irgendwelche Regisseure machen lassen, was sie wollen, Hauptsache, er streicht keinen Text und das Drama dauert geschlagene drei Stunden. Reißt euch am Riemen. Die Leute gucken Youtube. Millionen Kanäle. Wenn da jedes Theaterstück auch nur fünf Minuten geglotzt wird, habt ihr schon gewonnen.

So ähnlich könnte sich Robert Löhr das deutsche Kulturerbe zur Brust genommen haben, als er das Comedyprogramm „Alle deutschen Dramen an einem Abend“ schrieb. Herausgekommen ist ein Ritt von Lessings „Nathan“ bis zu Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“, und das Theater Ravensburg bestreitet damit sein Sommertheater, unter der Regie von Karsten Engelhardt.

Das Ergebnis ist tollkühn: Hier werden Monumente in die Luft gesprengt, um mit den Trümmern etwas Fluffiges zu bauen, in das jeder spontane Einfall aufgenommen werden kann. In Nathans „Ringparabel“ etwa geht einer der Ringe, der die Gabe hat, „vor Gott und den Menschen angenehm zu machen“, an Gandalf den Grauen – hätte Lessing selbst drauf kommen können.
Wo so lässig Brücken gebaut werden, macht man sich in Ravensburg mit einigem Recht über ein deutsches Regietheater lustig, das zwar enorm kreativ ist, aber seine Einfälle so verdichtet, dass das Publikum nur noch Bahnhof versteht. Und so geht Büchners „Woyzeck“ als Parodie mit „Rammstein“-Getöse über die Bühne. Mit Figuren, die zum Leben erweckten Zinnsoldaten gleichen. Woyzeck übt sich in maschineller Onanie, der Tambourmajor trägt Gasmaske sowie Gummischwanz, und der untreuen Marie schneidet Woyzeck den Hals durch. Zarah Leander verkündet: Davon geht die Welt nicht unter.

Das ist aber nicht nur Quatsch, sondern grotesk und beklemmend. Frechheit siegt, sagt man, und hier stimmt es, weil die Profischauspieler des Theaters Ravensburg sich dumm stellen dürfen: Ana Schlaegel, Jutta Klawuhn, Alex Niess und Marco Ricciardo mimen Teilnehmer eines VHS-Kurses, die von Theater wenig Ahnung haben. Trotzdem schusseln sie mit ihrem Kursleiter (Ercan Altun) drei Jahrhunderte deutscher Dramengeschichte auf die Bühne.
Dabei entsteht auch eine rasante Leistungsschau zur Vielfalt der Möglichkeiten, Texte zu dramatisieren. Mit einer Puppenbühne zum Beispiel. Die blonde Barbie darin ist nicht etwa die Nora aus Ibsens „Puppenheim“, sondern Eve Rull aus Kleists „Zerbroch‘nem Krug“. Sonst geht kein Geschirr zu Bruch – eher Hirnschalen, wenn Friedrich Schillers Helden vom Fiesco bis zu Johanna von Orleans im Zweikampf klären, welches das größte seiner Stücke sei.

Besonders Johanna schlägt sich mannhaft und will das Schwert gar nicht mehr wegstecken – „Ich habe keine Scheide!“ herrscht sie hübsch doppeldeutig den Gegner an, der zuletzt Karl Mohr heißt; und freilich streckt der Ränkeschmied sie nieder, denn was vermag ehrliche Gewalt gegen den miesen Trick, ohne den noch kein wirklich großes Drama gedieh?

Im Kern haust deshalb jeder Klassiker zuinnerst in den Niederungen, weshalb man die niedere Proleten-Unterhaltung von heute auch gleich mit verwursten kann. Daher trifft das Nibelungenlied – zum Glück gibt‘s eine Dramatisierung von Hebbel – auf die Viecher aus der Muppet-Show. Siegfried ehelicht Miss Piggy, und schließlich bringt er sich selbst zur Strecke: Mit gespannter Armbrust kratzt er sich die verwundbare Stelle am Rücken. Endlich ist ethymologisch geklärt, woher das Wort „abkratzen“ seine Bedeutung hat.

Aber Theater schaut nicht nur zurück, sondern nach vorn. Sonst gehen die Subventionen flöten. Spielt Hofmannsthals „Jedermann“ deshalb in der Zukunft, an Bord von Raumschiff Enterprise? Captain „Jedermann“ Kirk ist hier nichts weiter als ein Plünderer, der ferne Planeten knechtet. Nun, im letzten Stündchen, will Gott eines von ihm wissen: „Ob du warst ein guter Christ. Oder ob du‘n Drecksack bist“. Diese Frage stellt der personifizierte Tod – kein Geringerer als Darth Vader. Er ist in Gottes Dienst getreten und hat dort als Tod zumindest einen Halbtagsposten. Nach Dienstschluss klingt er wie immer: „Ich bin kurz auf dem Zwischendeck und baller‘ den Han Solo weg.“ Nicht ganz Hoffmannsthal, aber astfrei gereimt.
Wer herzhaft lachen will, ist hier richtig. Wer sein Reclam-Wissen aus Abituriententagen auffrischen will, ebenfalls. Denn unter der Comedy-Oberfläche werden nicht nur die Handlungszüge der deutschen Dramen rekapituliert, sondern sogar Brechts V-Effekt. „V“ wie „Viel Vergnügen“.


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