Karsten Engelhardt

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Presseberichte

Die Affäre Rue de Lourcine

10.07.2016
Harald Ruppert vom Südkurier
Theater Ravensburg knöpft sich Spießbürger vor.

Im Sommertheater unter freiem Himmel hatte gestern „Die Affäre Rue de Lourcine“ Premiere. Eugène Labiches Komödie aus dem 19. Jahrhundert sticht noch immer. Heute Abend steht schon die nächste Aufführung an. Bei Schlechtwetter wird im Saal gespielt.

Eugène Labiche kannte sich aus mit den Spießbürgern: der 1815 geborene Pariser war der Sohn eines wohlhabenden Industriellen. In vielen Lustspielen zerrte er ihre Scheinheiligkeiten auf die Bühne, so wie Moliere vor ihm und die Österreicherin Elfriede Jelinek nach ihm. Das Theater Ravensburg spielt als "Sommertheater" unter freiem Himmel nun Labiches Komödie "Die Affäre Rue de Lourcine" in Jelineks Übersetzung. Auf die Bühne gebracht von Regisseur Karsten Engelhardt wird daraus Vaudeville in äußerster Nacktkeit: Eine Kommode, eine Waschschüssel und ein riesiges Bett mit zuziehbaren Vorhängen. Das ist alles, was Bühnenbildner Werner Klaus auffährt – sehr wenig fürs polstersüchtige Paris des 19. Jahrhunderts.

Der Verzicht macht Sinn: die Wattierung, in der ein sattes Lebensgefühl sich niemals unsanft auf den Hintern setzt, wird nämlich dünn in diesem Stück: Im Bett liegen zwei Männer, der "brave" Bürger Lenglumé (Marco Ricciardo) und ein Unbekannter, der sich als sein alter Mitschüler Mistingue (Alex Niess) herausstellt. Besoffen haben sie sich, und jetzt beide einen Filmriss. Was ist passiert? Was haben sie getrieben? "Immer ist da diese Lücke", klagt Lenglumé, als ahnte er schon jetzt, wie gefährlich für einen Bürger eine solche Lücke ist. Wo die Kamera der inneren Selbstüberwachung abgeschaltet ist, wird er sich unheimlich. So weit kennt er sich immerhin, dass er weiß: sich selbst ist nicht über den Weg zu trauen.

Umso weniger, als die Beiden aus der Zeitung erfahren, dass in der Nacht ein Kohlenmädchen ermordet wurde. Mit Hilfe eines Regenschirms, wie Lenglumé ihn jetzt vermisst. Zudem haben sie Kohlenstücke in ihren Hosentaschen, die ihnen beständig die Hände schwärzen, so oft sie sich auch waschen. Sofort halten sie sich für die gesuchten Mörder, die jetzt nur noch den Schein wahren können. Vor allem vor Norine, Lenglumés Frau, gespielt von Ana Schlaegel. Was Schein bedeutet, kann man von ihr lernen, denn die Ausstattung demonstriert es: Jeder sieht, dass sie eine zierliche Person ist, die in einem viel zu großen Kleid steckt. Sie glaubhaft dick aussehen zu lassen, wird gar nicht erst versucht. Der zum Sein erklärte Schein wird von anderen schließlich nur dann als Kunststück gewürdigt, wenn die Rolle auch als solche durchblitzen darf.
Solche Koketterien können sich Lenglumé und Mistingue in ihrer Situation aber nicht erlauben. So müssen pure Wohlanständigkeit demonstrieren und können doch gerade das nicht – nicht mal optisch: Schon ein ordentliches Besäufnis reicht aus, und sie sehen aus wie der gemeinste Abschaum aus der Gosse, dem alles zuzutrauen ist. Und jetzt, wo ihre Gemeinheit hervorbricht, wird auch die bürgerliche Komfortzone zur Falle – an der einzigen Stelle, an der es im Bühnenbild noch Platz hat: im Bett. Die weiche Matratze und die dicken Kissen, die sonst so zuverlässig ein eingeschläfertes Gewissen garantieren, werden zum Zentrum des Spiels. Nervös und fahrig sinken Lengumé und Mistingue in sie ein, kämpfen sich frei, suchen festen Halt und balancieren auf dem breiten hölzernen Bettrand wie Matrosen auf der Reling, die fürchten, ins Meer zu fallen. Zumal sie einen Zeugen fürchten: Potard (Tobias Bernhardt), Lenglumés Cousin, weiß ganz genau, was sie in der vergangenen Nacht getrieben haben. Also muss er weg, und er bleibt nicht der Einzige.

Marco Ricciardo zieht als Lenglumé alle Register, überzieht dabei auch mit großer Lust. Seine Verblüffung ist die von Louis de Funes, seine heulende Verzweiflung, in der er einen Bettpfosten umklammert, gleicht Stan Laurel; und wenn er, die Hände in den Westentaschen, finster dreinblickt, ist er ein Stummfilm-Bösewicht, der gleich Buster Keaton vermöbeln wird. Die Bezüge für die Ausgestaltung seiner Rolle liegen immer offen und erlauben dem Publikum vergnügliche Entdeckungen. Sein Spießgeselle Alex Niess schlägt die Gegenrichtung ein, geht verdeckter vor. Er wirkt wie eine Kreuzung aus Clown und Akrobat, verbindet Tollpatschigkeit mit ihrem Gegensatz der traumwandlerischen Sicherheit. Wo Ricciardo satt, grob und überdeutlich agiert – eben mit der in Fleisch und Blut übergegangenen großen Geste des saturierten Bürgers -, changiert Alex Niess ins Dubiose, in eine hochstaplerhafte Existenz, die schwerer auszurechnen ist als der polternde Lenglumé. Als "Chefkoch" bezeichnet sich Mistingue; vielleicht stimmt das sogar. Sein knallroter Zinken entlarvt ihn aber auch als Gewohnheitssäufer. Diese Ungewissheit dreht die grundlegende Schein/Sein-Thematik des Stücks noch ein wenig weiter, und Alex Niess zieht sie ins Innerste seiner Rolle, deren Zurechenbarkeit er verwischt.

Die beiden Herren sind im Lauf des Stücks bereit, über weitere Leichen zu gehen, um ihren nächtlichen Frevel zu vertuschen. Die Verbrechen ziehen so große Kreise, als wollte vor allem der saturierte Lenglumé endlich erwischt werden, seinen Ehe-Käfig loswerden, um als ehrlicher Mörder frei durchatmen zu können. Aber die Haut des geheuchelten Anstands streift man nicht ab. Man hat ja keine andere. Bei Eugène Labiche ist der Bürger so armselig, dass er weder zur Moral noch zum Mörder taugt. Der Bürger sündigt maßlos nur in Gedanken. In der Wirklichkeit geht er schlimmstenfalls ins Freudenhaus. Plant er größere Missetaten, scheitern sie an der kläglichen Ausführung – so wie Lenglumé und Mistingue, die am Ende nichts verbrochen haben. Das Schicksal ist also nachsichtig gestimmt, meint es aber nicht notwendigerweise auch gut mit ihnen: sie werden weiterwursteln wie bisher.


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