Karsten Engelhardt

Krimmidinner

Presseberichte

Der letzte der feurigen Liebhaber

Lokales24.09.2017
Babette Caesar
Viel feuriger geht’s nicht

Das Theater Ravensburg feiert mit „Der letzte der feurigen Liebhaber“ Premiere
Ravensburg sz

Feuriger hätte Markus Hepp seinen Lover auf Abwegen nicht spielen können. Ihm gehörte an der ausverkauften Premiere am Donnerstagabend der größte Applaus in Neil Simons Komödie „Der letzte der feurigen Liebhaber“ im Theater Ravensburg. Mit ihm standen Ana Schlaegel, Viola Heeß und Jutta Klawuhn auf der Bühne. Sie brachten drei Charaktere auf die Bretter, die unterschiedlicher und durchgeknallter kaum sein könnten.

Bühnenbildner Werner Klaus hat Mamas Ambiente bis ins letzte Detail durchgestylt. Alles wirkt aus heutiger Sicht etwas abgestanden und überholt, spielt das Stück doch in den 1960er-Jahren. Dazu passen auch die Garderoben von Kostümbildnerin Mechthild Scheinpflug. Hinein in diese Idylle platzt Barney Cashman alias Markus Hepp. Im Trenchcoat mit Hut und Sonnenbrille lugt er gut getarnt durch die Wohnungstür, und allein dieser Auftakt hat Krimi-Qualität. Für genau zwei Stunden macht er sich in Mamas Wohnung breit, um nach 23 unaufgeregten Ehejahren mit Thelma auf das ersehnte Abenteuer mit den drei ausgewählten Damen zu hoffen. Frohen Mutes und zum flotten Sound von Quincy Jones’ „Soul Bossa Nova“ macht er sich ans Werk. So, als hätte sich der 47-jährige Barney in den pubertierenden Jungen zurückverwandelt. Keinen Gedanken verschwendet er daran, dass alle seine Avancen ins Leere laufen könnten. Schließlich bekommt er es mit ebenso gestandenen wie gestörten Frauen zu tun.

Markus Hepp steigert sich vom palavernden und schüchternen Undercover-Ehemann zum tolldreisten Berserker, der brüllend und halb nackt über die Bühne tobt. Gleich beim ersten Date mit der exaltierten Elaine Navazio (Ana Schlaegel) fliegen dem Zuschauer die pointierten Dialoge um die Ohren. Schon wird klar, dass diese von Neil Simon geschriebene Komödie unter der spaßigen Oberfläche einiges an zwischenmenschlichem Tiefgang parat hält. Diese Balance über rund zwei Stunden Spieldauer zu halten und ins Groteske zu steigern, ist Regisseur Karsten Engelhardt mit seiner Inszenierung gelungen. Ana Schlaegel im hocherotischen Outfit unter dem dicken Pelzmantel mimt hierin die Überlegene in Sachen Sex. Wenn sich ihre emotionalen Defizite abzeichnen, ist der fürsorgende Barney zur Stelle. Sie knöpft ihm das Hemd auf, er macht es wieder zu. Lieber noch ’nen Scotch. Der hilft wenigstens gegen die Hustenanfälle. Nein, beide verstehen nicht wirklich, wozu sie sich treffen – auch im zweiten Anlauf nicht. Barney will Romantik, Elaine animalischen Sex. Seine Naivität, gegen die sie anrennt, ist echt und niederschmetternd.

Zweite Runde mit Bobbi Michele (Viola Heeß) in der Rolle der neurotischen Schauspielerin. Sie, die Ausgeflippte, macht Barney mundtot. Selbstherrlich weidet sie sich an obskuren Episoden, denen er fassungslos gegenübersteht. „Ist das Dope?“, starrt er auf Bobbis Glimmstängel, dessen Asche jeden Moment auf Mamas Sofa zu fallen droht. Bis sie ihn zwingt, einen kräftigen Zug zu nehmen, und Markus Hepp ins Nirwana abtaucht mit einem genialen Grimassen-Coup. Mit „What the World needs now is Love“ erobert Bobbi den Tisch und setzt zur Liebeshymne an.

Champagner statt Antidepressiva
Dritte Runde mit Jutta Klawuhn als depressive Jeanette Fisher. Ihr bloßer Anblick rang dem Publikum Lachsalven ab. Stoisch mit Kurzhaarperücke in engem Kostüm umklammert die Verzagte ihre Handtasche. Hingegen Barney statt im steifen blauen Anzug nun im lockeren karierten Sakko seine letzte Chance kommen sieht. Mit Champagner kontra Antidepressiva. „Himmelherrgott, eine Spitzenauswahl!“, wirft er sich ins Zeug gegen eine Mauer aus lebensmüdem Zynismus, den Jutta Klawuhn verkörpert. Er macht sich bereit bis auf die Unterhose, sie besteht auf „sanft, liebevoll und anständig“. Das treibt Barney zur Raserei und Markus Hepp zu einer seiner besten Szenen, die mit Versöhnung endet. Wenn er zu „When you’re smiling“ zum Telefonhörer greift und Thelma in Mamas Wohnung zum ultimativen Abenteuer einlädt.

Harald Ruppert
Spezialist für verpatzte Seitensprünge am Theater Ravensburg
Die Inszenierung von Neil Simons Komödie "Der letzte der feurigen Liebhaber" sollte man nicht verpassen. Die Premiere war zu Recht ausverkauft.
Gleich wird Jack Lemmon durch die Tür kommen. In diese Wohnung, in der die Zeit schon vor Jahrzehnten stehengeblieben ist, denn es ist die Wohnung seiner Mutter. Erwartungsfroh wird er sein und wegen seiner Nervosität ein wenig zerstreut, denn er plant einen Seitensprung, nach 23 Jahren Ehe. Natürlich wird daraus nichts werden: Erstens geht bei Jack Lemmon immer alles in die Hose. Zweitens: In der Wohnung der Mutter erst recht. Und drittens haben wir es mit einer Komödie von Neil Simon zu tun. Er ist Spezialist für besondere Charaktere. Nicht für solche, die auf der Bananenschale ausrutschen, die das Leben für sie breithält. Neil Simons Helden sehen die Bananenschale, bücken sich nach ihr und ziehen sich dabei einen Bandscheibenschaden zu. Einer wie Barney Cashman in Simons Komödie „Der letzte der feurigen Liebhaber“ scheitert an sich selbst. Das Versöhnliche daran: Es ist für ihn das Beste. Ein gutherziger Kerl wie er, der nach dem „Anständigen“ und dem „Schönen“ sucht und es ausgerechnet im Seitensprung zu finden hofft, würde nicht glücklich, indem er seiner Angetrauten Hörner aufsetzt.

Freilich dauert es eine Weile, bis Barney das einsieht und so macht er drei Anläufe, auf Muttis Schlafcouch eine jeweils andere Frau rumzukriegen: die zynische Elaine (Ana Schlaegel), die durchgeknallte Bobbi (Viola Heeß) und die depressive Jeanette (Jutta Klawuhn). Und Barney? Den spielt Markus Hepp mit einer Leichtigkeit am Prototypen einer Jack Lemmon-Rolle vorbei, dass man nur staunen kann. Er findet den Humor seines Charakters zwischen den Stühlen: Barney sucht das schnelle Abenteuer, aber auch die Romantik.
Und als Elaine scharf rangeht, weil sie nichts als das „Fleisch“ will, quasselt er sich gewunden von Ablenkungsmanöver zu Ablenkungsmanöver, bis er sich um die Chance aufs Schäferstündchen gebracht hat. Muss Barney dagegen Überzeugungsarbeit leisten, lässt er plötzlich einen spitzbübischen Charme aufblitzen, der aber von der naiven Bobbi nicht verstanden, von Jeanette hingegen sofort durchschaut und abgewürgt wird: „Ich finde dich körperlich nicht anziehend. Das weißt du, oder?“ Dass nicht die Frauen das Problem sind, sondern Barney, ist jedem klar – nur ihm nicht. Und so tänzelt Markus Hepp mit leisem Witz um den Wesenskern seiner Rolle herum, dass es eine Freude ist.

Auch seinen Partnerinnen bleibt in dieser Inszenierung von Karsten Engelhardt viel Raum. Ana Schlaegel etwa als Elaine. Sie stammt von ganz unten und hat in die Oberen Zehntausend eingeheiratet. Nun kompensiert sie ihren Frust mit zahllosen Quickies. Als „kalt, hartherzig, gefühllos“, charakterisiert Barney sie treffend. Allerdings dauert es eine Weile, bis ein wenig Licht in ihre Biographie fällt und diese Zeit nutzt Ana Schlaegel, um in Elaine eine interessante Spannung anzulegen: Ihre mondäne Erscheinung hat einen Zug ins Billige, ihre Abgeklärtheit passt sowohl zu den Reichen, die auf Moral keine Rücksicht nehmen müssen, als auch zu den Armen, die sich solche Rücksichten nicht leisten können: die einen nehmen sich, was sie wollen; die anderen, was sie brauchen. Durch Ana Schlaegel verkörpert Elaine die Stelle, an der gegensätzliche Gesellschaftsschichten einander berühren. Und da Barney nun mal zarter besaitet ist, jagt in den Gesprächen eine Pointe die andere. „Hast du es nicht gern, wenn ein Mann deine Hand in seiner hält?“, fragt Barney. „Kommt darauf an, was er mit der anderen macht“, antwortet Elaine.

Mit Bobbi will es ebenso wenig klappen – aber auf ganz andere Weise. Viola Heeß überträgt den naiven Sexappeal Marilyn Monroes aus dem Film „Das verflixte siebte Jahr“ auf die Figur eines Hippiemädchens. Wie die Monroe dieser Filmkomödie ist sich Bobbi nicht bewusst, wie scharf sie die Männerwelt macht. Etwa, wenn sie in Barneys Liebesnest ihr knappes Röckchen über dem Gebläse der Klimaanlage lüftet, so wie Monroe über dem Gitter eines U-Bahn-Schachts. Barneys bürgerliche Bravheit passt schlecht zum ausgeflippten Lebensstil dieses Mädchens, das gefeierte Schauspielerin werden will, Joints raucht und zu paranoidem Wahnsinn neigt. Quirlig verrührt Viola Heeß in ihrer Figur saftige Klischees vom erträumten Starruhm mit Zerrbildern der Flower Power-Generation. Und Männerphantasien über nationalsozialistische Flintenweiber setzen noch eins drauf: Bobbi lebt mit einer lesbischen deutschen Peitschen-Fetischistin zusammen, dem „Biest aus Berlin“.

Nach der Explosion dieser Spaßbombe reißt Jutta Klawuhn als Jeanette das Ruder erfolgreich herum: Mit Bitterkeit und Scharfsinn gerüstet, in gedeckter Garderobe, würde sie auch in einem Ingmar Bergman-Film eine gute Figur machen. „Was willst du, Barney – Spaß haben? Mit mir wirst du keinen Spaß haben“, verspricht sie – und widersetzt sich nicht nur Barneys nun sehr platten Versuchen, sie flachzulegen, sondern zerlegt auch seine Vorstellung einer Welt, die von „sanften, anständigen und liebevollen Menschen“ bevölkert ist. Immerhin betrügt ihr Mann sie schon eine ganze Weile mit ihrer besten Freundin, die er angeblich nicht leiden kann. Barneys und Jeanettes Matratzenkampf besteht nicht aus Sex, sondern darin, dass jeder dem anderen den Kopf zurechtrückt. Dabei lassen die Schauspieler die Spannung nicht in Klamauk entgleisen – das Publikum ist mucksmäuschenstill nach dem Scheitelpunkt dieser Eskalation. Oder sollte man von „Höhepunkt“ reden? Denn offenbar gibt es nicht nur den besten Sex aller Zeiten; es gibt auch den besten nicht gehabten Sex, der das Leben wieder zurück auf die Spur bringt. Das Theater Ravensburg macht’s vor. 


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